FGE Rogowski-Abend – Experten diskutieren über Gleichstromtechnik

04.02.2021
 

FGE-Rogowski-Themenabend - Stromkrieg reloaded - Ist Wechselstrom noch zeitgemäß?

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Ist Wechselstrom noch zeitgemäß oder gehört Gleichstromtechnik die Zukunft? Diese Fragestellung erörterten am 04.02.2021 vier Experten aus Industrie und Forschung im Rahmen des ersten digitalen Rogowski-Themenabends.

Peter Barth, Geschäftsführer der Amprion Offshore GmbH, eröffnete den Abend mit seiner Sichtweise zur Gleichstromtechnik, in der er insbesondere den hohen Nutzen der Technologie für die Anbindung der Offshore-Windparks hervorhob. Gleichstrom sei u.a. ein wichtiger Enabler für den Aufbau der „Eurobar“, einem Konzept zur europaweiten Vernetzung von Offshore-Windparks. Aber auch für Anwendungen im Übertragungsnetz an Land sah Herr Barth einen Vorteil in der einfacheren Verkabelungsmöglichkeit und der damit einhergehenden Förderung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Ausbauprojekten.

Daran anschließend spannte Prof. Dr.-Ing. Jochen Kreusel, Global Head of Market Innovation bei Hitachi ABB Power Grids, den Bogen zum Verteilnetz und erläuterte dabei die Rolle der Schutzsysteme. So seien Schutzsysteme für Punkt-zu-Punkt Verbindungen in allen Spannungsebenen verfügbar, jedoch stelle die selektive Abschaltung in vermaschten Gleichstromnetzen der Hoch- und Höchstspannungsebene nach wie vor eine Herausforderung dar.

Dr. Joachim Kabs, Geschäftsführer der Bayernwerk Netz GmbH, sah in der Diskussion um Gleich- und Wechselstrom weniger einen Stromkrieg, sondern eine Metamorphose, in der nicht das Durchsetzen einer Technologie entscheidend sei, sondern wie das Stromsystem zuverlässiger gestaltet werden kann. Mit Blick auf die historisch gewachsenen AC-Verteilnetze rechnet Dr. Kabs mit punktuellen DC-Applikationen im Verteilnetz anstelle einer Etablierung von flächendeckenden Gleichstromnetzen.

Im Anschluss zeigte Univ.-Prof. Dr. ir. Dr. h. c. Rik W. De Doncker, Leiter des E.ON Energy Research Centers und Forschungscampus FEN der RWTH Aachen, eindrucksvoll die Einsatzmöglichkeiten von Gleichstromtechnik auf. So seien erhebliche Effizienzsteigerungen in Gebäude- und Industrieanwendungen durch Einsparung von Umwandlungsverlusten möglich. Zudem könne durch die Vermaschung von Mittelspannungsnetzen mit Gleichstromverbindungen ein „DC-Underlaygrid“ errichtet werden, um die Flexibilität im Verteilnetz zu erhöhen. Neben den technologischen Vorteilen betonte Prof. De Doncker auch die Bedeutung des ökologischen Fußabdrucks in Hinblick auf das große Potential zur Reduktion von Material für Betriebsmittel.

Auch wenn in der Diskussion nicht alle Anwendungsfelder für Gleichstromtechnik bis ins Detail diskutiert werden konnten, so herrschte Konsens darin, dass sich im Offshore-Bereich Gleichstrom als präferierte Technologie etablieren wird. Zudem war mit Blick auf die Endverbrauchergeräte der technologische Vorteil von Gleichstrom in Haushalten unbestritten. Es herrschte jedoch Zweifel an einer mittelfristigen Abkehr vom Wechselstrom in diesem Bereich. Als Botschaft für die über 300 Teilnehmer*innen der Veranstaltung blieb auch, dass sowohl bei Herstellern als auch Netzbetreibern Offenheit für die Gleichstromtechnik herrscht und man daher mit Spannung die nächsten Jahre bei der Transformation des Energiesystems verfolgen kann.

Download der Vorträge

Prof. Dr.-Ing. Jochen Kreusel

Univ.-Prof. Dr. ir. Dr. h. c. Rik W. De Doncker

Peter Barth